Mit Release 20 nun in Ausführung richtet sich die Aufmerksamkeit auf den Nachfolger: 3GPP Release 21, angestrebt als der erste vollständige normative 6G-Standard. Hier zerlegen wir, was tatsächlich drinsteckt, wann es kommt und wie es sich auf den weiteren Ausbau auswirkt.
Was Release 21 anders macht als Release 20
Release 20 ist eine Studienphase: Arbeitsgruppen untersuchen, welche Technologien machbar sind. Konkrete Bau-Anforderungen für Geräte werden darin nicht festgelegt. Release 21 hingegen wird normativ: Chip-Entwickler und Geräte-Hersteller können damit arbeiten, um tatsächliche 6G-Hardware zu bauen.
Die Parallele: 5G NR (die eigentliche 5G-Funktechnik) wurde in Release 15 (2018) festgelegt, nach vorausgehenden Studien in Release 14. Release 21 erfüllt für 6G dieselbe Rolle wie Release 15 für 5G.
Die technischen Säulen
3GPP hat öffentlich eine Reihe von Arbeitsbereichen für Release 21 bestätigt:
- Neue Funkschnittstelle für sub-Terahertz-Frequenzen (100–300 GHz). Unsere Terahertz-Seite geht tiefer auf die Physik dahinter ein.
- KI-native Architektur — künstliche Intelligenz als Bestandteil jeder Netzschicht, nicht als Aufsatz. Siehe KI-native Netze.
- Integrated Sensing and Communication (ISAC) — Funkwellen, die gleichzeitig Daten tragen und die Umgebung “spüren”. Mehr zu ISAC.
- Nicht-terrestrische Integration — nahtlose Handover zwischen Bodenzellen, LEO-Satelliten und High Altitude Platform Systems (HAPS).
- Reconfigurable Intelligent Surfaces — intelligente Oberflächen, die Funkwellen lenken können, als Teil der Standard-Architektur.
Zeitplan
Der offizielle 3GPP-Zeitplan für Release 21:
- 2027: Kick-off, Scope-Freeze (welche Funktionen kommen rein/raus)
- 2028: Stage-1-Freeze (funktionale Beschreibung)
- Mitte–Ende 2029: Stage-3-Freeze (detaillierte Protokollspezifikationen)
- Anfang 2030: ASN.1-Freeze (letzte Codierdetails); Release offiziell “fertig”
Erst nach Stage-3-Freeze können Chipsatz-Entwickler ernsthaftes 6G-Silizium entwickeln, was bedeutet, dass die ersten kommerziellen 6G-Funkmodule frühestens Ende 2030 / Anfang 2031 zu erwarten sind. Siehe auch den breiteren 6G-Zeitplan.
Wer sitzt am Tisch?
3GPP hat etwa 800 Mitgliedsorganisationen aus sieben regionalen Standardisierungsgremien. Den größten Einfluss haben:
- Chinesische Akteure: Huawei, ZTE, China Mobile, China Telecom
- Europäische Akteure: Nokia, Ericsson, Deutsche Telekom, Orange
- Amerikanische Akteure: Qualcomm, Intel, Apple, AT&T, Verizon
- Asiatische Akteure außerhalb Chinas: Samsung, LG, NTT DoCoMo, SK Telecom
Deutsche Organisationen wie Fraunhofer HHI, die Deutsche Telekom und 6G-RIC liefern Input über deutsche und europäische Forschungsprogramme; die direkte Stimmkraft im Konsortium liegt aber bei großen Herstellern wie Nokia und Ericsson.
Risiken für den Zeitplan
Drei Faktoren können Release 21 verzögern:
- Geopolitik. Die Spannungen zwischen chinesischen und westlichen Mitgliedern über die Standardisierung (vorhergesehen bei KI-Funktionalität, Sensing-Daten und Spektrumzuweisung) können Kompromisse verzögern.
- Spektrumzuweisung. Die World Radiocommunication Conference (WRC-27) entscheidet, welche Frequenzbänder global für 6G verfügbar werden. Ein Konflikt dort wirkt sich auf den Umfang von Release 21 aus.
- Technische Reife. Sub-Terahertz-Hardware befindet sich noch in voller Entwicklung. Wenn die 2028er-Prototypen nicht ausreichen, können einzelne Funktionen in Release 22 verschoben werden.
Eine ähnliche Verschiebung sahen wir bei 5G: einige geplante Release-15-Funktionen landeten letztlich in Release 16, ohne die kommerzielle Markteinführung zu blockieren.
Was es für Sie bedeutet
Für den normalen Verbraucher: wenig direkt — außer dass dies die ersten 6G-Smartphones und -Netze in 2030–2031 ermöglicht. Für Anleger in Telekom-Aktien: Release 21 ist ein Katalysator-Moment, das Ende 2028 / Anfang 2029 erneute Aufmerksamkeit für 6G-Zulieferer mit sich bringen wird. Für Ingenieure und Netzwerk-Architekten: das ist das Dokument, auf das man jetzt schon hinarbeiten muss.
Wir verfolgen die Fortschritte von Release 21 hier im Dossier und veröffentlichen Updates bei jedem wichtigen 3GPP-Plenum.